Das Transparente Wirbelsäulenzentrum oder wir operieren grundsätzlich minimal-invasiv

Was ist denn so toll am Wirbelsäulenzentrum? Zunächst mal vor allem sein Ruf und seine ständige Präsenz in der örtlichen Presse, die Internetpräsentation, die diversen Rankings, Patientenbefragungen….Auch die Internet- und Mundpropaganda tragen dazu bei, dass nicht nur Leute aus dem Umkreis sich bei so viel großartiger Kompetenz angezogen fühlen , sondern auch weit entfernt Wohnende, die dann anreisen, um sich in B. mit ihrem geplagten Rücken helfen zu lassen…

Aber um mal gleich neugierig Gewordene zu motivieren, die kein Rückenproblem haben, nach B aus purem Interesse zu fahren: ( ein Carpal-Tunnel Syndrom hat doch schließlich jeder):

Ein Besuch ist das Wirbelsäulenzentrum auch wert um die hervorragende Architektur und das Ambiente der Praxis zu genießen. Nein , wir gehen hier in keinen schnöden hässlichen Kliniksbau, sondern haben das Gefühl in einer Luxusboutique zu stehen. Die Sprechstundenhilfen sind alle adrett in Einheitsuniform gekleidet, mit schicken passenden Tüchern um den Hals und als besonderer Clou ist das erste Hindernis, dass der Patient überwinden muss die grün oder rot werdende Ampel an der Anmeldung…

Diese dient natürlich der Wahrung der Intimsphäre des Patienten. Das sie auch 10 Minuten auf grün steht, wenn auf der anderen Seite keiner zugegen ist oder auf rot steht, obwohl jemand da sitzt und offenbar nichts tut und außerdem ‚die Ärzte‘ auch gerne von dieser Seite Akten über den Tresen reichen, ändert nichts an der super Funktionalität dieser Ampel…Wirklich Glückwunsch an den Architekten, so etwas MÖGEN Patienten…Die Rezept- und Terminvergabe ist aber immerhin ampelfrei…und dementsprechend warnt nur ein schnödes Einheitsschild zum Abstand halten…(wie langweilig)

Toll, sind auch die Arbeitszimmer der Ärzte: INDIVIDUELL eingerichtet, mit schönen dreidimensionalen Modellen der Wirbelsäule LWS (Lendenwirbelsäule), BWS (Brustwirbelsäule) und HWS (Halswirbelsäule) in unterschiedlichen Farben. Ganz wie im menschlichen Körper…Ich wusste schon immer, dass meine HWS lila sein muss…(Ich finde man sollte auch ein dreidimensionales Modell einer OP-Lagerung im Raum aufstellen…Hat bestimmt einen guten Gruseleffekt und wirkt sich positiv auf den ärztlichen Zeitplan aus…So könnte man dann wieder ein bißchen mehr mit dem Patienten reden)

Wie auf der Webseite beworben steht bei der Architektur des Hauses das ‚Wohlbefinden‘ des Patienten im Vordergrund:

Die Räumlichkeiten sind ganz auf das Wohlbefinden hin ausgelegt. Als besonderes architektonisches Detail entpuppt sich der Flur, der sich in seiner Form der menschlichen Wirbelsäule anpasst.

Mensch, sogar der Flur passt sich MEINER Wirbelsäule an…Geht mir doch gleich dadurch viel, viel besser…Da brauche ich ja fast gar keine Schmerztherapie mehr bei so einem schönen sich meinem Rücken anpassenden Flur. Ist ja besser als ein Korsett…

Wobei den Flur genießt der Patient ja auch nicht allzu lange, denn die meiste Zeit verbringt er im kuscheligen Wohlfühlraum, dicht bestuhlt, mit Namen WARTEZIMMER und ja das ist auch ganz toll…Mit sehr vielen fröhlich aufgelegten Menschen, die mit ihrem mehr oder minder akuten Bandscheibenvorfall gerne 2-5 Stunden dort sitzend verbringend und sich an der tollen Kaffeeemaschine beglücken…Immerhin hat man auch eine super Aussicht direkt auf den Einfahrtbereich oder/und eine Baustelle…Außerdem funktioniert die Klimaanlage. Gerade im Sommer so ein schönes kühles Plätzchen zu haben ist doch schon ein echter Vorteil….Klar, ist manchmal schon recht eng und etwas überfüllt, aber mittlerweile kann man doch auch seinen Laptop mitbringen und ein bißchen im Internet surfen…Sie bieten nämlich jetzt wlan an und das schätzt das überwiegend über 60 Jährige Klientel natürlich sehr…

Aber genug der langen Rede zum Ambiente: Kommen wir zu einem wichtigeren Part, dem Arzt Patientenverhältnis: Auf dieses wird hier noch besonderen Wert gelegt—Im 5 Minutentakt versteht sich..Wie sie selbst auf ihrer Webseite bewerben:

Neben ihrer hohen Qualifikation sehen die Fachärzte des Wirbelsäulenzentrums (in Buxtehude) einen wesentlichen Faktor für den Therapieerfolg in der Beziehung zwischen Patient und Arzt. Nur so kann die Behandlung auf die individuellen Gegebenheiten eines jeden Patienten abgestimmt werden. Da Schmerzen, insbesondere der Rückenschmerz, nicht nur die Ursache, sondern auch die Folge einer Störung des Allgemeinbefindens sein können, steht für die Diagnose das Gespräch und die persönliche Untersuchung im Vordergrund. Und auch im weiteren Behandlungsverlauf bleibt der Arzt der Ansprechpartner für den Patienten.

Das Schöne am Arzt Patientenverhältnis für Noch-Nicht-Operierte und Nur-Schmerzpatienten ist dass es so viele davon in der Praxis gibt —-4 Ärzte (jetzt 5 oder 6) an der Zahl und jedes Mal, wenn man wieder kommt, schwupps ein neuer Arzt und eine ganz neue Weltsicht auf den eigenen Fall: Da sollte man X und Y operieren oder nur x oder doch y…Soviel Kompetenz schätzt der Patient. Die Untersuchung besteht zumeist aus: Wir sehen uns mal ganz kurz das MRT Bild an…und dann den Patienten aus sicherer Entfernung hinter dem Schreibtisch und falls Unklarheiten bestehen: Reflexe abklopfen, das kann das niedere Dienstvolk (der Neurologe) machen…

Denn Neurochirurgen MÜSSEN sich wichtigeren Dingen widmen: Dem operieren…

Diagnostik , das ist nix für den Neurochirurgen, das verwirrt ihn nur…

Was kaputt ist, sieht er/sie eh nur wenn er/sie schneidet..

Und schneiden ist ja heutzutage immer und grundsätzlich minimal-invasiv…Das hört sich doch auch viel besser an und gibt dem Patienten viel mehr Sicherheit..Der Patient sieht ja am Ende auch nur eine 2-3 cm große Narbe und nimmt vermutlich auch an, dass der interne Gewebsschaden jetzt auch nicht so massiv sein kann, denn hey…: Wenn Ärzte mir sagen, dass man sowas ambulant macht und es einem 22 Stunden nach so einer OP blendend gehen soll, dann stimmt das auch ganz sicher.

Dem Patienten zu erzählen, dass eine offene-mikroskopische Bandscheiben OP schon vor 20 Jahren so gemacht wurde, aber eben mit nem größeren Hautschnitt und der Patient intern leider eine 20cm Wunde hat, unterlassen die Neurochirurgen lieber. Denn wer würde sich denn so schnell und sofort noch zu einer solchen OP begeistern…(?) Und das man bei einer Stenose Op ein Fenster in den Knochen ‚bohrt‘–(Nur um mal an den Zahnarzt zu erinnern..Ich weiß man bohrt nicht..Darf ich nicht auch mal lügen), braucht der Patient auch nicht wirklich zu wissen oder nur so nebenbei… Okay, ich gebe zu eine Laminotomie ist weniger invasiv als eine Laminektomie.., bei der man den Wirbelbogen vollständig entfernt. Die Methode der Fensterung (bilateral oder unilateral), bei der nur das Ligamentum flavum sowie die angrenzenden Teile der benachbarten Laminae entfernt werden, führt sicher auch zu weniger Gewebsschaden und Instabilitäten…,dennoch sind Erfolgsergebnisse von 80-90% wirklich NICHT bewiesen, zumindestens wenn man sich die Forschungsliteratur zu Bandscheiben OP’s anguckt, da schließt doch gar Rompe et al (2004: 118):

Zusammenfassend kann festgehalten werden dass für die minimalinvasiven Operationstechniken in der Literatur Erfolgsquoten von 80% bis 90% zu finden sind, also eine Überlegenheit im Vergleich zur Laminektomie mit einer Erfolgsquote von 64%, zu vermuten ist. Aufgrund retrospektiver oder unkonrtrolierter Studiendesigns, kurzer Nachbeobachtungszeiträume und geringer Fallzahlen halten diese Publikationen den Kriterien der ‚evidence based medicine‘ jedoch meist nicht stand. Dementsprechend konnten Vergleichsstudien zwischen den Fensterungstechniken und der traditionellen Laminektomie keine signifikanten Unterschiede objektivieren. Möglicherweise sind die hohen Erfolgsquoten von unilateraler und bilateraler Fensterung auf Selektionsbias zurückzuführen, indem in die nicht kontrollierten Studien vorrangig weniger ausgeprägte Spinalkanalstenosen eingeschlossen wiuden. Prospektive randomisierte Vergleichsstudien, die nicht mit derartigen Fehlern behaftet sind, liegen in der Literatur jedoch bislang nicht vor. Die Ergebnisse der hier vorgestellten Studie belegen, dass die minimalinvasiven Methoden unabhängig vom Stenosegrad ein zur Laminektomie vergleichbares Operationsergebnis erzielen. (Thome et al. : Operative Therapieverfahren bei der lumbalen Spinalkanalstenose, S. 118f., In: Pfeil, J. und Rompe, J.D.(2004) : Der enge Spinalkanal. Steinkopff. Darmstadt.)

Noch besser wird es aber, wenn es um die wirklich ‚minimal-invasiven‘ Verfahren geht, wo endoskopisch operiert wird..Hier kann man sich häufig fragen, ob wirklich schon eine Op-Indikation vorliegt, denn wenn der Vorfall so klein ist und nur miminmalistisch die Nervenwurzel berührt, kann man in der Regel auch einfach abwarten und Krankengymnastik machen. Das OUTCOME ist nach 5 Jahren ungefähr gleich… Zumindestens, wenn man der SPORT (Spine Patient Outcomes Research Trial)  Studie traut. Aufgenommen wurden in die Studie nur Personen, bei denen eine OP OPTIONAL war, d.h. nach 6 Wochen aufgrund persistierender Schmerzen…Also kein Massenprolaps, Cauda Syndrom oder eine ausgeprägte neurologische Symptomatik vorlag…Verschwiegen soll nicht werden, dass auch diese Studie einen gravierenden Fehler aufweist…, denn die Menschen überlassen ihr Schicksal ungerne dem Zufallsprinzip, wenn es um eine so schwere Entscheidung wie OP oder konservativer Weg nach einem Bandscheibenvorfall geht…D.H. Patienten liesen sich nicht gleichmäßig auf zwei Gruppen randomisieren und es gab in beiden Gruppen Wechsler…Vorwiegend entschieden sich Leute doch für die Operation, die eigentlich der konservativen Gruppe zugeordnet wurden…Ansonsten kann man in diesem Fall aber von einem relativ gelungenen Studienaufbau und auch einem sinnvoll gewählten, längerem Zeitraum der Studie sprechen. Denn interessanterweise waren gerade die Patienten, die sich freiwillig für eine Operation entschieden kurzfristig, deutlich zufriedener als die Bandscheibenpatienten mit der konservativen Behandlung. (Viele Studien hören hier auf und schließen aus dem Initialerfolg: Bandscheiben OP ist erfolgreicher…) Die Sport Studie deckt jedoch auf, dass dies aber wohl mehr ein psychologischer Faktor der ersten drei Monate ist.: In denen sich die Operierten schmerzfreier, beweglicher und fitter fühlten. Die Unterschiede hatten sich aber dann nach zwei Jahren relativiert. Eine mögliche Erklärung für die bessere Beurteilung der Operation durch die Patienten liegt wohl vorwiegend darin, dass Menschen, die sich unters Messer legen, auch große Erwartungen in eine so massive Behandlung setzen. Und diese Erwartung wollen sie dann natürlich auch erfüllt sehen.

Um aber mal auf die endoskopischen OP’s zurück zu kommen…Aussagekräftige Studien, welche die Wirksamkeit über einen längeren Zeitraum begutachten, gibt es zu denen bislang auch  nicht. Und man findet sogar hin und wieder die Aussage , dass aufgrund der geringen Übersicht des Operateurs bei einem falsch eingeschätzen Bandscheibenvorfall (statt Vorwölbung)  oft einfach ‚Teile‘ vergessen werden und man dann offen-mikroskopisch nach operieren muss..Außerdem scheint das Risiko nach einer solchen Behandlungsmethode einen erneuten Bandscheibenvorfall zu erleiden, deutlich erhöht zu sein. Sicherlich mag das ein Verfahren der Zukunft sein, aber bislang ist man mehr ein Experiment des Operateurs…Dies gilt aber noch mehr für Bandscheiben Prothesen (in der HWS ist man schon weiter), aber im Bereich der LWS sind die ganzen Sachen wie X-Stop und ähnliches doch kaum hinreichend erforscht…, um ihnen das Prädikat gut zu geben…

Kritisiere ich hier Bandscheiben OP’s im Allgemeinen: Nein, es gibt Fälle in denen MUSS operiert werden…Cauda Symptomatik, neurologische Ausfallerscheinungen (Paresen/Wurzelläsionen), Massenprolaps… und es mag auch in dem ein oder anderen Fall bei persisitierenden Schmerzen und klarer Wurzelreizung sinnig sein zu operieren..Dennoch sollte man dem Patienten auch in diesem Fall nicht verkaufen, dass die OP MINIMAL-INVASIV ist und ein Spaziergang oder ähnliches…Vor allem wäre es auch sinnvoll dem Patienten die UNTERSCHIEDE zwischen knöcherner Stenose und sagen wir Massenvorfall zu erklären, aber das wird in der Regel alles unter WIR OPERIEREN MINIMALINVASIV und danach geht es Ihnen garantiert besser zusammengefasst und das finde ich doch etwas irreführend…Natürlich kann man minimal invasiv so uminterpretieren, dass es einfach nur meint: Mit dem geringst möglichen Schaden, aber ist das eine vernünftige Aufklärung des Patienten (?)

Und wenn dann auch noch auf der Homepage beworben wird:

Ärzte des Wirbelsäulenzentrums unter Deutschlands besten Ärzten
Dieser Meinung ist das Magazin „Guter Rat Gesundheit“. Im Sonderheft 1/201 wird das Wirbelsäulenzentrum in der Rubrik Neurologie/Neurochirurgie aufgeführt. Die komplette Liste beinhaltet 550 Adressen unterschiedlichster Fachrichtungen. Die Erhebung beruhte auf einer Umfrage bei Ärzten, wo sie sich selbst oder ihre Angehörigen behandeln lassen würden. Interessanter Nebenaspekt der Befragung: Es wurde mit den Vorurteilen aufgeräumt, dass erstklassige Ärzte lange Wartelisten führen, keine Kassenpatienten behandeln und falls doch lieber ihre Assistenzärzte ran lassen.

Ja, also die Wartezeit ist REAL 4 Monate außer man ist 1) akuter Notfall (Parese) und Orthopäde ruft für dich  an oder 2) Privatpatient…Bei Kassenpatienten wird bei einem gravierenden Vorfall schon nach Schweregrad entschieden und man hat, wenn man auf ne ‚BESONDERE‘ Liste gesetzt wird vor und nach der OP die Möglichkeit terminlich  zwischengeschoben zu werden bei akuten BEschwerden..Das bringt aber REIN GAR NICHTS, da man Wartezeiten von 3-5std hat und der Arzt sich 3min Zeit nimmt…Das steht in keinem Verhältnis….Ich kann ehrlich gesagt nur den Kopf schütteln über so viel Kompetenz und Transparenz…

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