Baby Beerdigung….

Ich habe es nicht geschafft bis gestern meiner ‚Kinderfreundin‘ noch etwas adäquates zu schreiben. Meine ganzen Satzanfänge waren grausam und ich war auch immer noch verwirrt, warum ich da jetzt hingehen sollte und ob ich ihr überhaupt etwas zu sagen habe..Schließlich hatte ich das Baby nie gesehen und meine Kinder- und Jugendfreundin die ganzen letzten Jahre auch nicht…
Aber vielleicht ist das Mal wieder eine meiner eher seltsamen Denkarten: Anzunehmen, dass man Beziehungen einfach abstreifen kann und Menschen mich ‚an sich‘ nicht nachhaltig prägen und ich sie auch nicht brauche:
Ich bin doch eigentlich alleine auf der Welt und alles drumherum geht und kommt, geht und kommt…

Anscheinend ist das dann aber im konkreten Fall doch nicht ganz so einfach…: Schon der Anblick des Babysargs ließ mich erschaudern: ab diesem Moment habe ich innerlich schon gedacht es zerreißt mich…Das ging aber den anderen 70 Personen in der kleinen Kapelle nicht anders…Fast jeder hat -mehr oder minder- hemmungslos Tränen vergossen…
Na ja, außer mir—Ich saß da erst einmal in Schockstarre und habe mich nach Baghdad gewünscht oder irgendwohin, wo ich von Babysärgen, heulenden Menschen und Pfarrern, die über die Seligkeit der Leidtragenden predigen, nichts sehen und hören muss…
Auch dieses ständige Lamentieren über den Sinn und Gott nervte mich. Alles Geschehen hat einen tieferen Grund und das Leben ist doch trotzdem irgendwie gut, erinnerte mich an Leibniz und Candide…Selbst im 18 Jahrhundert hat man doch schon begonnen einen deistischen Gott anzunehmen und wo sind wir heute? Aber na ja, man kann alles intellektualisieren und wenn man so eine tolle Vorlage des Pfarrers bekommt, wird man doch vom eigentlichen Anlaß abgelenkt und ich konnte mich in Abgrenzung und Zynismus weilen…
Zumindestens solange wie ich nicht die Eltern, Großeltern und Freunde des verstorbenen Kindes angesehen habe oder Kinderlieder angestimmt wurden…
Jedenfalls hielt ich meine Gefühlskälte bis zum Ende der Predigt gut durch und weinte überhaupt nicht…Dann ging es hinaus zum Grab…Da ich ja immer noch im Familienzwist mit meiner Mutter liege, gingen wir in 2 Gruppen. Ich blieb recht weit hinten bei meinen Großeltern…, die mich wie immer nervten…Eigentlich wollte ich von meiner gesamten Familie km weiten Abstand…und eigentlich wollte ich schon gar nicht irgendjemanden die Hand schütteln müssen oder dem Baby Blumen in den Sarg werfen…Ich reihte mich also 2 Reihen hinter meinen Großeltern ein und fiel absichtlich zurück…
Meiner Oma passte dies aber überhaupt nicht, sie kommandierte mich mehr oder minder herum und meinte ich sollte endlich wieder zu ihnen aufschließen..Was ich dann auch tat…Vorm Sarg stand ich mehr oder minder in Trance und dachte oh, ne…Da willst du gar nix reinwerfen…Das beschließt das so…:ich habe dann widerwillig ein paar Blütenblätter genommen und sie hineinfallen lassen…

Meine Großeltern waren schon beim obligatorischen Händeschütteln der Verwandschaft….Ich stand immer noch vorm Sarg…Ich wollte nicht weitergehen..
Aber ich musste…

Ich stand also vor meiner Freundin, die mir mit einem völlig abgeklärten Blick,ohne jegliche Emotion entgegentrat…Mir die Hand gab und sagte: „Schön, dass du gekommen bist.“
Ich bekam daraufhin einen Heulkrampf und viel ihr mehr oder minder um den Hals…(Zum Erstaunen ihres Ehemanns, der mich gar nicht kannte und den ich auch nicht kenne) Das einzige was ich hervorbringen konnte, war: „Es tut mir leid.“ (Was eigentlich..???) Mal abgesehen davon, dass ich normalerweise keine Weinkrämpfe bekomme und Leute umarme, bin ich auch kein Mensch der banalen Floskeln…Und um was habe ich eigentlich geweint: Ihr Schicksal oder meines oder unser beides Schicksal…Denn das was ich im Ausdruck ihrer Augen gesehen habe, war mein Spiegelbild…Der Zustand nach der Katastrophe:Die Abgrenzung , der Schock,das vermeintliche gut klarkommen…Was ich gesehen habe, war ein gebrochener Mensch…,jemand der nicht wieder ganz werden kann, der lebenslange Wunden und Narben trägt, sichtbare wie unsichtbare —–und das habe ich beweint…

In diesem Zustand bin ich dann auch noch den Großeltern des verstorbenen Kindes entgegengetreten, was dazu führte, dass der Vater meiner Freundin sich auch noch berufen sah mich zu umarmen und eigentlich zu trösten…Das war unheimlich seltsam, wenn man die Situation bedenkt…

Alle anderen Leute haben es umgekehrt gemacht…In der Kapelle geweint und sich vorm Grab eher zusammen genommen…Ich hingegen bin im Angesicht des Leids zusammengebrochen…Ich hasse manchmal meine Übersensibilität—Ich wäre wirklich gerne manchmal unnahbar…Wenn es einen Gott geben würde, hätte er mich mit einem Panzer ausstatten müssen, dass ich unerschütterlich bin..So fühle ich mich so allein, verletzlich und endlich…:

Schlußstück
Der Tod ist groß
Wir sind die Seinen,
Lachenden Munds.
Wenn wir uns mitten im Leben meinen
Wagt er zu weinen
Mitten in uns.

(Rainer Maria Rilke)

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