Der 24.12) Weihnachten mit der trauten Familie in vier ‚Akten’…

Vielleicht sind alle Drachen unseres Lebens Prinzessinnen, die nur darauf warten uns einmal schön und mutig zu sehen. Vielleicht ist alles Schreckliche im Grunde das Hilflose, das von uns Hilfe will.
(Rainer Maria Rilke, Briefe an einen jungen Dichter)

Akt I: Die letzen Einkäufe und Geschenke einpacken…

Nun,da ich ja erst 1 Woche vor Weihnachten aus meiner wohl geschätzen Reha entlassen wurde, gestaltete sich „Geschenke einkaufen“ mehr als schwierig und auch am 24.12 hatte ich immer noch die eine oder andere Kleinigkeit zu besorgen: Geschenkpapier, Tesafilm etc…(Aufgrund meiner leichten Geh-Eingeschränktheit muss ich auch mehrmals Berge erklimmen, denn mehr als 3-5kg heben ist nicht drin)
Anscheinend ist es aber eine Sportart aller Menschen auf den letzten Drücker Weihnachtsbesorgungen zu machen und selbst am 24.12 fühlt man sich in Geschäften sardinenartig gequetscht. Mir persönlich ging es jedenfalls total auf den Nerv mich zwischen Menschenmassen von Regal zu Regal schieben zu lassen und an Kassen 30min warten zu müssen, um einen Briefumschlag kaufen zu können…
Aber da ich ja freundlich sein wollte und die Sachen auch in alter Tradition einpacken,habe ich die Tortur über mich ergehen lassen. Eigentlich total überflüssig, wenn man bedenkt wie schnell das Zeug aufgerissen und wieder weggeschmissen wird…
Im Grunde genommen wäre ich ja zu mindestens für die Entsorgung für alte Zeitungen zu diesem Zweck, aber für die meisten Geschenke haben die nicht das richtige Format und außerdem habe ich nur online Abonnements und kein Altpapier zur Hand, daher viel meine Entscheidung zu Billiggeschenkpapier: 99cent bzw 49cent die Rolle.

Das Einpacken gestaltete sich jedenfalls als ein Kampf mit Weihnachtspapier, Schere, Geschenkbändern und Tesafilm. Insbesondere der überdimensionale Kalender war eine persönliche Herausforderung an meine Einpackkunst. Das Ding war so groß,dass es mein Bett zu 35% vereinnahmte und ich eine ganze Geschenkpapier Rolle darauf verschwenden musste…
Als absoluter Chaot wusste ich zwischendurch nie wo diese bescheuerte Schere lag oder das Band oder der Tesafilm und habe somit fast 2 Stunden gebraucht, bis ich alle 9 Geschenke verpackt, beschriftet und mit Namens-Etiketten beklebt hatte…

Akt II: Die Bahn und der obligatorische Kirchgang

Nach dieser Aktion verblieben mir auch nur gute 30min bis zur Bahn. Da an Sonn- oder Feiertagen Busse sowieso nur im 30min Intervall fahren, hieß das; unangenehmer Fußmarsch: Mit zuviel Gepäck , bei -10C und mit ner Gangstörung Berge rauf und runter in schnellem Tempo…(Ich hasse Kopfsteinpflaster)…interessanterweise waren jetzt die Straßen menschenleer…Dafür war es windig und meine Hände fühlten sich an, als hätte man sie 10 Stunden in der Gefriertruhe gelagert…(Am meisten nervte mich wiederum der ÜBERDIMENSIONALE Kalender meiner kleinen Schwester, denn durch den Wind hatte der die ganze Zeit Weg-Flugtendenzen.)

Mit dieser ultimativen Bepackung erreichte ich die deutsche Bahn ‚just in time’…Denn ‚Wunder ach Wunder‘ , ein wirkliches Weihnachtswunder: mein Zug hatte keinerlei Verspätung…
Während mir beim Fernverkehr überall 70-80 min oder Zug fällt aus, ‚entgegen blinkte’…,stand mein Zug schon abfahrbereit und wie auf dem Präsentierteller auf Gleis 2.., sodass ich die letzten 50 Meter noch los hechten musste, um dann keuchend mir den nächstgelegenen freien Platz zu suchen. (Wer rechnet schon mit der Pünktlichkeit der DB?)

Das hieß aber auch: Der Kirchgang blieb mir NICHT erspart…Ich kam also rechtzeitig mir die alljährliche Predigt des Dorf- ehhh Kleinstadtpfarrers anzuhören…Im letzten Jahr war es eine sehr einnehmende Predigt über die Wichtigkeit Marias, die im evangelischen Glauben nicht genügend Berücksichtigung findet…

Unsere kleine historische Stadtkirche ist ja bis auf ihren orangen Innenanstrich einigermaßen schön und erträglich…Das konnte man von der diesjährigen Innentemperatur und der Laune des Pfarrers weniger sagen. Es war gefühlte 0C und die Predigt wurde schon wieder von dem mir bereits gestern negativ aufgefallenen Pfarrer V. gehalten…

Dieser schien sichtbar genervt, dass seine schöne Kirche nur an Weihnachten gefüllt war und betrieb erst einmal ‚Publikumsbeschimpfung‘—-Seine Predigt schien er unter das Motto gestellt zu haben: „Es ist erschienen die heilsame Gnade Gottes, allen allen Menschen DIE AN IHN gläuben…“
Hier war ich ja genau richtig als Agnostizist…

Dann zählte der Pfarrer erst einmal auf, was oder wer alles den christlichen Glauben im letzten Jahrhundert kaputt machen wollte…Da war zunächst mal der NATIONALSOZIALISMUS…Die selbst unsere schönen christlichen Lieder umgedichtet haben…Dann kam der KOMMUNISMUS….Genauso schlimm und verwerflich in der DDR und heute, ja heute ist es der ISLAM—–
„Und liebe Kirchengemeinde…Da müssen wir uns auch gar nicht wundern, UNS , dem Christenvolk fehlt nämlich der MUT sich wirklich offen und frei zu UNSEREM Glauben zu bekennen. Wir haben nicht die selbe PASSION wie die Moslems….(Innerlich wollte ich ja 12 Ave Marias aufsagen,aber da ich ja gar kein Christ bin…, dachte ich in diesem Moment doch darüber nach, ob ich es nicht endlich Mal mit Zen-Meditation probieren sollte oder vielleicht ein bißchen gegen die Säule neben mir treten oder ein ironisches Halleluja singen)—-Ich entschied mich dann für Warten auf das nächste Weihnachtslied singen…Das brachte mich bestimmt runter…
Allerdings eine zweite perfide Strategie dieses Pfarrers war es wohl, seiner christlichen Gemeinde zu beweisen , dass sie keine wahren Christen sind, indem er ihnen eher unbekanntes ‚Liedgut‘ anbot, wo keiner mitsingen konnte und alle nur fixiert auf das Blatt starten…ich hatte ja den Vorteil, dass neben mir der Küster stand und so hatte ich immerhin eine vage Idee wie die Melodie verlaufen könnte (Noten gab es auch nur bei so jedem zweiten Lied als Vordruck und ich habe dann immer mal versucht so ab Strophe 3 miteinzustimmen, was mir nicht ganz so angenehme Blicke einbrachte…Ton-Treff-Sicherheit war da sicherlich noch nicht so gegeben…,aber wer die Totalitarismusthese wiederbelebt und dann auch noch fast zu einem ‚Glaubenskrieg‘ aufruft, hat eigentlich ganz andere Formen von Protest als schief singen, verdient…Ich war jedenfalls innerlich geladen…)

Akt III: Weihnachtssingen und Geschenke aufreisen

Harmonischer gestaltete sich dann auch das Familienleben nicht…
Denn meine Mutter hatte entschieden sich von den Weihnachtsfestlichkeiten fernzuhalten und meine Schwester (15 Jahre) per TAXI zu uns bringen zu lassen…Meine Oma brachte das zu einem Tränenausbruch…Meine buddhistische Tante versetzte das in unachtsame Wut und meine kleine Schwester in ihre typische undefinierbare Verstörung…Mein Bruder wiederum zählte alle Weihnachten mit ähnlichen Katastrophen auf: „Und weißt du noch die Aktion, wo alle sich in ihre Zimmer eingeschlossen haben, weil XY. (unsere Mutter) ganz beleidigt war, dass wir ihr essen nicht genug gewürdigt haben??? oder wo Z (unser Vater) von der Leiter gefallen ist und mir das Bein gebrochen hat..???.(Hieß für meinen Bruder nach komplizierten Verlauf 6 Wochen Gips)
„Oder wo Z von der Treppe gefallen ist und sich beide Beine gebrochen hat und weißt du noch der Unfall mit der Kreissäge , wo er einen Splitter ins Auge bekommen hat???“(irgendwie kann ich mich an viele 23 Dezember in Notaufnahmen erinnern…)
Der Rest der Familie sah uns eher ungläubig an…In genauere Details des Vorweihnachtsspektakels hatten wir sie nie näher eingeführt…

Mein Bruder:“Und natürlich das obligatorische Einbetonieren des Weihnachtsbaums…“
Tante: „Wie und warum betoniert man Weihnachtsbäume ein?“
Bruder: „Na ja, es mussten immer besonders große Bäume sein, die weder in den Ständer noch in das Zimmer gepasst haben und die musste man dann dementsprechend in stundenlanger Arbeit zurecht schneiden und später in den Ständer bringen…Nur leider kippte dieser immer um, weil die Schrauben das Gewicht nicht halten konnten und so wurde das eben mit dem beschwert was da war…Sand, Erde…“
„Oder Steine“ ergänzte ich….Was zu einem obligatorischen zweiten Wutanfall von Z (unsere Mutter) führte, die fluchend den ganzen Sand, Dreck,die Zweige aus dem Wohnzimmer zu entfernen begann und für mindestens 12 Stunden nicht ansprechbar war…Aber immerhin hielt dann unser Baum auch fast bis Mitte Januar, da keiner ihn raus schaffen wollte…)

Diese Anekdoten waren sicherlich genau richtig für eine bedächtige Weihnachtsstimmung.Jedenfalls verbat sich meine Tante weitere Diskussionen über meine Mutter und wir widmeten uns wichtigeren Dingen, dem essen, singen und Geschenke aufreißen…

Ich war ja für Liedheftverteilung für die ganze Familie…, was meine Cousine zu dem spitzen Kommentar brachte: „Ach, ja weil du immer so viel mitsingt (Zugegeben mache ich fast nie, aber ich habe auch immer Stimmfindungs- und Selbstsicherheitsprobleme, da jeder immer irgendetwas KRITISIERT…)

Gut, dachte ich: Singe ich diesmal mit…, was natürlich sofort von meinem sozial INKOMPETENTEN Bruder mitten im Lied gleich mit einer Bemerkung quittiert wurde: Was machst du mit deiner Stimme, das ist doch gar nicht deine Stimmlage….???? Also ich war immer noch in einer Alt- Mezzolage und ganz gewiß nicht bei einem schrillen Sopran, der sich bei mir tatsächlich schrecklich anhört—„Sing mit oder halt die Klappe“ flüsterte ich ihm genervt zu und versuchte wieder ins Lied zu finden…Der Rest der Familie war besonnen genug nichts zu meiner gesungenen Schrillheit zu sagen…Eben zu viel Barock Impressionen in der letzten Zeit gehabt….und zu lange in langweiligen Rehas diese mit Nichtkönnen imitiert…)

Nach einer gemeinsamen Singrunde ging es zu dem eigentlich schönsten Anteil von Weihnachten,dem Geschenke öffnen…
Ich hatte ja ALLEN Mini Quietscheentchen geschenkt…Die Familie nahm den Ausdruck wörtlich, und versuchte erst einmal die Entchen zum quietschen zu bringen, mit dem traurigen Ergebnis: Sie blieben stumm…ich wollte ja einwerfen, dass man sie auch mit einem Strohhalm intubieren könnte, aber diese Idee wäre vermutlich auf allgemeine Verständnislosigkeit gestoßen…Also schlug ich vor mit ihnen zu baden…Vielleicht quietschen sie ja im Wasser…Meine Tante fand aber eine noch bessere Verwendung,und nahm sie zum Kerzen auspusten…Da gab die Ente sogar ein Geräusch von sich…, alle meinten es hörte ich annähernd wie Quack, quack an (Ich wollte ja dann etwas über onomatopoetische Laute ausführen, aber habe es gelassen, denn die Familie mit höherer Linguistik zu beglücken….,wäre sicherlich deplatziert…Ich sah lieber interessiert zu, wie meine Tante ihren Kunstschnee ausprobierte, der eher wie Kleister aussah und angesichts der Schneemassen draußen dieses Jahr auch irgendwie als Geschenk nicht passte…
Auch sehr spannend, fand ich das Mensch-Ärger-Dich Nicht Brettspiel von meiner Cousine und ihrem zukünftigen Gatten.Auf dem Brettspiel prangten Fotos von Oma, Opa und den beiden: furchteinflößende Schnappschüsse: z.B. Im Auto…Mit der Unterschrift: Rennfahrer …Wirklich: alle 4 sehen im realen Leben schöner aus…
Meine Schwester wiederum war sehr begeistert von ihrem monströsen Kalender mit heulenden Vampirmädchen, den mein Bruder der Eindeutigkeit halber unbedingt mit mir zusammen überreichen wollte…(Ich hatte meiner Schwester ja vorher erzählt sie bekommt ein Bild von mir als Christus verkleidet mit Heiligenschein, aber so ganz abgenommen hatte sie mir das wohl nicht.)
Die jüngere Generation der Familie hatte sich jedenfalls sichtlich Mühe gemacht, passende Weihnachtsgeschenke für ihre Sippschaft zu finden…, auch wenn es ihnen nicht immer ganz gelang…
Meine Cousinen schenkten mir z.B. den einstigen Bestseller BILDUNG….geht durchaus in die richtige Richtung,aber ist doch etwas verfehlt…Denn niemand kann überhaupt definieren was der nun wirklich wichtigste ‚Bildungskanon‘ ist oder sein sollte…Außerdem ist unsere ganze Geschichtsschreibung sowieso eurozentristisch…Dazu passte dann das Geschenk meines Bruders, der mir „Destiny Disrupted . A history of the World through islamic eyes“ , schenkte…

Auch meine Schwester machte sich Gedanken und veruntreute ihr gesamtes Kleidungsgeld,um mir und meinen Cousinen Oberteile zu kaufen, die eigentlich sehr gut aussahen, aber eben nur leidlich passten…Dennoch war das richtig süß von ihr…

Die erwachsene Generation Oma, Opa, Tante beließ es wiederum bei Geldgeschenken, wobei meine Tante schon noch den ein oder anderen Gimmick hinzu legte…und auch bei meinen Großeltern ist Nicht-Schenken eher besser, da sie irgendwie unsere Generation nicht mehr ganz nachvollziehen kann und wer möchte schon leuchtende Weihnachtsengel…

Akt IV: Heimfahrt…

Um ca. 22 Uhr begann es mir mal wieder richtig schlecht zu gehen…Ich hatte zwar schon verschiedentliche Schmerzcrashs an diesem Tage gehabt,mich aber immer wieder einigermaßen von ihnen erholt…Nun steckte ich mitten in einem und lag mehr oder minder als Knäuel in einem Sessel und dachte über ‚weiter atmen‘ und „nicht zu gequält gucken“ nach…
Gelang nicht allzu gut…Meine Oma fragte mich mal wieder: „Kind wie geht es dir?“
„Toll..“ (Lass mich bitte in Ruhe)
Gehe von meinem geliebten Sessel weg und flüchte zu dem Personenkreis um den Tisch.
Tante zu Bruder: „Ich glaube deiner Schwester geht es nicht so gut…Vielleicht solltet ihr Mal aufbrechen“ (Danke,ich bin doch auch noch im Raum)
Bruder: „Sollen wir jetzt fahren? Kannst du noch?“
Ich: „Nee…,müssen wir nicht…Geht schon…“
Bruder: „Komm, du hast doch schmerzen.“
Ich: „Ignoriere es…“
Bruder: „Es ist aber schwer zu ignorieren“
Ich: „Ja, aber ……es nervt, wenn alle es ständig kommentieren. Ist doch bei mir ein Dauerzustand…“

Nun,gut….wir sind dann nach 20 Minuten doch gefahren, denn schließlich wollten meine Großeltern noch zur Christmette um 23 Uhr und die Straßen hatten auch mittlerweile wieder einen netten weißen Zuckerguss..Mein 78-jähriger Großvater kam angesichts des Schneegestöbers und der sich bildenden weißen Schicht auf SEINEM Gehsteig, zum dritten Mal an diesem Tag auf die Idee eine Schneeschaufel zu bedienen, was mich an Medizynicus Schneeschaufelhelden erinnerte…Die Begründung meines Opas klang auch sehr einleuchtend:“Jetzt muss man doch noch einmal den Gehsteig räumen, wenn doch alle in die Kirche wollen.“ „Wer geht denn um 23 Uhr in die Kirche…Ehhh… außer euch???“ Mein Einwand überzeugte ihn nicht so recht und auch das Argument, dass die Nachbarn seit Tagen ihren Gehsteig gar nicht geräumt hatten zog nicht…


So gut geräumt sieht jedenfalls der Gehsteig meiner Großeltern aus und 2 Häuser weiter, bei den Jungspunden….,die noch vital und fit sind…

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